Distrikt Zina, Nordkamerun
Die Klasse S4a der Sekundarschule Spreitenbach hat ein ebenso faszinierendes wie ambitiöses Projekt geplant und finanziert: die Stärkung der Elternräte von 26 Schulen in Nordkamerun.
Die Schulen im Norden Kameruns werden vom Staat kaum unterstützt. Es mangelt an allem: an Schulzimmern, Lehrpersonen, Lehrmitteln und didaktischem Material. Es herrscht bildungsmässiger Notstand. Im Distrikt Zina ist die Einschulungsrate die tiefste des ganzen Landes.
Zina umfasst 26 Dörfer und liegt mitten im Überschwemmungsgebiet des Flusses Logone. Es ist eine sehr arme und rückständige Region, die Menschen leben in Lehmziegelhäuschen, nur in Zina, dem Hauptort, stehen einzelne, alte Betonbauten. Auf der anderen Flussseite liegt der Tschad.
Die Eltern im Distrikt Zina versuchen verzweifelt, ihren lokalen Schulen zu helfen; sie wissen nur nicht, wie man das macht, da sie selber kaum eine Ausbildung haben. Praktisch jedes Dorf hat zwar einen Elternrat, bestehend aus Eltern der Schulkinder und den Lehrpersonen des Dorfes, aber dessen Möglichkeiten sind trotz gutem Willen gering. Die Eltern arbeiten gerne für ihre Schulen, indem sie zum Beispiel mit Lehmziegeln Mauern für neue Schulgebäude bauen. Sie sammeln ab und zu im Dorf, etwa für das Gehalt eines nicht ausgebildeten Lehrers, oder sie beschliessen, einen Teil des Gewinns aus der gemeinsamen Fischerei in die Schule zu stecken. Doch das alles passiert ohne Konzept; es fehlt den Eltern an Wissen und System im organisatorischen Bereich.
Da setzt das Projekt zur Stärkung der Elternräte an; es ist ein klassisches «Hilfe zur Selbsthilfe»-Projekt. Die Idee kam von den Schulen selber und vom Schulinspektor, der für Zina zuständig ist und sich vorbildlich für die Schulen der Region einsetzt. Das Projekt ist mit 18‘500 Franken budgetiert.
In der Schweiz zeigte sich die Klasse S4a der Sekundarschule Spreitenbach mit ihrem Lehrer Aurelio Führer an einer Zusammenarbeit mit IPA interessiert. Vom November 2007 bis Juli 2008 arbeitete IPA mit der Klasse zusammen und schlug den sieben Schülerinnen und elf Schülern fünf Projekte vor – das Elternratprojekt als einziges, das anders als z.B. der Bau einer Schule nicht «sichtbar» war.
In zwei Lektionen pro Woche erfuhr die Klasse von IPA-Geschäftsleiter Pietro Tomasini das Wichtigste über Entwicklungs-Zusammenarbeit oder Projektmanagement. Sie lernte, ein Proposal zu schreiben und ein Budget aufzustellen und plante verschiedene Sammelaktionen. Der Höhepunkt war eine zweitägige Car-Wash-Aktion in Spreitenbach, die über 1‘400 Franken einbrachte. Die finanzielle Basis für das Projekt legte eine briefliche Sammlung bei Eltern, Verwandten und Bekannten. Schliesslich beteiligten sich zwei Stiftungen an der Finanzierung – die eine, «Snow Dreams for Africa», gleich mit 10‘000 Franken. Damit war das Projekt finanziert.
In Kamerun wurde die Realisierung in drei Phasen aufgeteilt. In der Phase 1 wurde ein vorbereitendes Treffen mit den 26 Schulleitern und 20 Vertretern der Elternräte abgehalten. Es folgte eine minutiöse Bestandesaufnahme in allen 26 Schulen. Unter die Lupe genommen wurden nicht nur die Elternräte, sondern die ganze Schule – von der Infrastruktur über die Einschulungsrate bis zu den Schülerinnen, Schülern und Lehrpersonen. Ziel war es, die Stärken und Schwächen zu analysieren.
Aus diesem Wissen heraus wurden in der Phase 2 mehrtägige Workshops geplant. Jeweils die Vertreter von fünf Elternräten sollten sich treffen und in den Bereichen Organisation eines Rates, Jahresplanung, Budgetierung, Fundraising usw. ausgebildet werden. In der Umsetzung hat man dann einen etwas anderen Weg gewählt: Die Workshops waren kürzer, dafür wurde jeder Elternrat individuell weitergebildet. So konnten nicht nur einzelne Vertreterinnen oder Vertreter eines Rates erfasst werden, sondern alle in den Räten engagierten Eltern, insgesamt 734 Personen.
Das Resultat ist erstaunlich: Die Elternräte steckten sich hohe Ziele und merkten plötzlich, was machbar ist, wenn man sich besser organisiert. Allein von Januar bis Mai 2009 sind in der Region 15 neue Schulzimmer gebaut worden (einige davon sogar mit einem richtigen Dach), und 36 neue Lehrpersonen konnten eingestellt werden. Vor allem ist die Einschulungsquote gestiegen. Die Erfolge sind von Dorf zu Dorf unterschiedlich. Einige Ziele konnten noch nicht erreicht werden. So waren zum Beispiel 554 Tischbänke geplant; es konnten bisher nur 23 finanziert werden. Doch das Projekt ist erst angelaufen, weitere Resultate werden in den nächsten Jahren folgen.
Die Phase 3 schliesslich dient der Evaluation der Resultate. Alle Schulen und Elternräte wurden noch einmal besucht. Das Projekt löste in der Schweiz und in Kamerun positive Reaktionen aus. «Es tut gut, armen Leuten zu helfen», sagt ein beteiligter Sekundarschüler, und eine Schülerin findet: «Schade, dass es vorbei ist.» Interessant ist übrigens, dass in der Abstimmung in der Klasse S4a die Jungs den Ausschlag für das anspruchsvolle Elternratprojekt gaben, sich die Mädchen dann aber klar mehr für das Projekt engagierten.
Aboukar Mahamat, IPA-Partner vor Ort in Kamerun, betitelte seinen Abschlussbericht so: «Einfache Ideen führen manchmal zu spektakulären Ergebnissen», und ein Lehrer aus dem Dorf Ivié fasste seinen Gemütszustand mit einem einfachen Satz zusammen: «Endlich bekomme ich Anerkennung und Respekt im Dorf.»











Die Klasse S4a der Sekundarschule Spreitenbach mit ihrem Lehrer Aurelio Führer.