Gjirokastër, Südalbanien
Von der Bildungsmisere in Albanien sind Waisen und Halbweisen besonders hart betroffen. Dank eines IPA-Projekts erhielten sie im Sommer 2010 Stützunterricht.
Gesjana Erindi ist 17 Jahre alt und Halbwaise. Ihr Vater ist 2003 bei einem Unfall ums Leben gekommen. Seither lebt sie mit ihrer Mutter und Schwester in Gjirokastër, der Hauptstadt des gleichnamigen Distrikts im Süden Albaniens. Der Druck für die Mutter, allein für die drei aufkommen zu müssen, lastet schwer auf der Familie. Sie muss zu viel arbeiten und hat kaum Zeit für ihre Töchter.
Gesjana möchte Krankenschwester werden. Ob sie ihr Ziel erreichen wird, ist unbestimmt. Denn Waisen oder Halbweisen leiden unter der Bildungsmisere besonders stark. Der Schulunterricht lässt in Albanien aus verschiedenen Gründen zu wünschen übrig. Es mangelt an der Infrastruktur, in den Städten sind die Schülerzahlen pro Klasse zu hoch, es fehlt an didaktischem Material, und die Lehrpersonen sind schlecht ausgebildet und verdienen zu wenig. Letzteres treibt seltsame Blüten. Um ihr Einkommen zu verbessern, unterrichten die Lehrpersonen bewusst schlecht. Sie vergeben dann an den Prüfungen ungenügende Noten und werfen den Schülerinnen und Schülern vor, nicht genug zu lernen. Nun bieten sie ihnen gleich Privatlektionen bei sich selber an – gegen Bezahlung. Da im albanischen Schulsystem der Unterricht um 13.30 Uhr endet, bleibt am Nachmittag genügend Zeit, um die Jugendlichen privat zu unterrichten und so noch etwas dazuzuverdienen. Eine Privatstunde kostet in der Regel 10 Euro.
Waisen haben kein Geld für privaten Unterricht
Zwar hat die Regierung ein Gesetz erlassen, das verbietet, den eigenen Schülerinnen und Schülern Privatlektionen zu erteilen. Aber das Gesetz findet kaum Anwendung und kann leicht unterlaufen werden. Und Eltern, die es sich leisten können, finanzieren ihren Kindern Nachhilfeunterricht. Doch Elternteile von Halbweisen und erst recht Betreuungspersonen von Waisen haben kein Geld zur Verfügung, um Kinder privat unterrichten zu lassen.
Damit diese nicht noch mehr als ohnehin schon ins Hintertreffen geraten, kamen sie dank IPA in Gjirokastër in den Monaten Juni und Juli in den Genuss eines Stützunterrichts in den Fächern Albanisch, Englisch, Französisch, Mathematik, Physik, Biologie und Chemie. Rudina Shajko, die Leiterin des Waisenbüros von Gjirokastër, hatte das Projekt entwickelt und IPA vorlegt. Der Aufwand des Projektes betrug rund 10'000 Franken und wurde durch die Geschwister Keller Stiftung für Waisenkinder in Frick und einer weiteren Stiftung, die nicht genannt werden möchte, finanziert.
Für die Auswahl der Lehrpersonen waren die beiden Leiterinnen des Projekts, Rudina Shajko und Teuta Dashi (beide arbeiteten viele Stunden gratis), und Bujar Dudumi, der IPA-Partner vor Ort, zuständig. Die beiden Frauen sind selber erfahrene Lehrkräfte. In den Kursen arbeiteten die insgesamt 68 Kinder und Jugendlichen den Stoff des beendeten Schuljahres noch einmal auf, so dass Wissenslücken geschlossen werden konnten – mit grossem Erfolg. Die Waisen und Halbwaisen konnten dank des Projekts nicht nur ihre Kenntnisse verbessern und Defizite ausgleichen, sondern darüber hinaus auch noch ausnahmslos den Sprung in die nächste Klasse schaffen.
«Dass für die Waisen und Halbwaisen in diesem Sommer ein intensiver Stützunterricht durchgeführt wurde, war bald in ganz Gjirokastër bekannt», sagt die Projektleiterin Rudina Shajko. «Immer wieder sprachen mich Leute auf der Strasse darauf an und zeigten sich erfreut darüber. Einmal mehr wurde den Einwohnern von Gjirokastër bewusst, wie viel IPA hier bereits bewirkt hat.»
Und für Gesjana Erindi ist der Wunsch, Krankenschwester zu werden, keine blosse Utopie mehr: «Endlich wurde mir das Gefühl vermittelt, dass ich nicht alleine dastehe, sondern dass sich jemand ernsthaft um mich kümmert. Die Erfahrung, dass es Menschen gibt, die an mich und die anderen Waisenkinder denken und uns eine Chance geben, hat mich sehr ermutigt.»






